"Im Schreibprozess beginnt alles im nebelhaft Unbewussten, ein kleiner Lichtpunkt taucht verschwommen am Horizont auf. Es kann eine Szene sein, eine Empfindung, eine Figur – und mit dieser einen vagen Szene wächst dann eine Art Struktur, kommen erste Bilder, ein grober Ablauf. Schreiben bedeutet auswählen, streichen, wegschnitzen."

Robert Seethaler
Aus einem Interview in Psychologie Heute

Foto: Urban Zintel

Aktuelles

Robert Seethaler auf der Shortlist für den Man Booker International Prize

Robert Seethaler steht mit seinem Roman Ein ganzes Leben auf der Shortlist für den Man Booker International Prize. Der Man Booker International Prize gehört zu den renommiertesten internationalen Literaturpreisen. Mit ihm wird jährlich ein ins Englische übersetztes und in Großbritannien verlegtes belletristisches Werk ausgezeichnet.

 

Robert Seethaler mit Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet

Für seinen Roman Ein ganzes Leben wurde Robert Seethaler mit dem Johann-Jacob-Christoph von Grimmelshausen-Preis 2015 ausgezeichnet.
Die Laudatio anlässlich der Verleihung des Preises hielt Andreas Platthaus. Sie ist hier in voller Länge nachzulesen.

Seine eigene Poetik der Plötzlichkeit

Ein Buch, das so anhebt: „An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig ...“, weckt die Erwartung, dass über den Nationalsozialismus geredet werde. Robert Seethaler verzichtet darauf. In Ein ganzes Leben gibt es beiläufig die Erwähnung von Hakenkreuzfahnen, Hitlerreden im Radio, Mitläufern, die nach dem Krieg wieder in hohe Positionen kommen, aber Andreas Egger, der Mann, dessen ganzes Leben in Ein ganzes Leben erzählt wird, lebt am Nationalsozialismus vorbei. Hat er das zwölf Jahre lang getan oder nur sieben? Ist er also Deutscher oder Österreicher? Nicht einmal das lohnt sich zu erzählen, denn darum geht es nicht. Es geht allein um Egger, um diesen Bergbewohner in einem Tal zwischen Glöcknerspitze, Hohem Kämmerer, Karleitner, Klufterspitze und Häuslerkamm, lauter fiktiven Alpengipfeln. Es geht um einen Mann mit einem fiktiven Geburtsdatum, dem 15. August 1898, das vom Bürgermeister des Gebirgsdorfs festgelegt wurde, weil das unehelich zur Welt gekommene Waisenkind, das 1902 in der Familie eines der Bergbauern Aufnahme, aber keine Zuneigung fand, ja irgendeinen Geburtstag haben musste, und warum sollte man einem Knaben, dem gerade unter obskuren Umständen die dubios schwanger gewordene Mutter weggestorben war, nicht an Maria Himmelfahrt ins Leben treten lassen? Aber nicht einmal diese Perfidie macht Robert Seethaler in seinem Roman explizit, denn die Überlegungen des Bürgermeisters interessieren darin nicht. Es interessiert nur Andreas Egger: Wir sehen dessen kleine Welt mit seinen großen Augen: rätselhafte Menschen, Berge, Zeitläufte. Und vor uns immer nur der Weg, den es für Egger durch seine fast achtzig Lebensjahre zu nehmen gilt.

„Ein ganzes Leben“ ist also kein historischer Roman übers zwanzigste Jahrhundert, es ist ein archaischer Roman übers Mensch-, Allein- und Fürsichsein. Seinen historischen Roman hatte Robert Seethaler schon zuvor geschrieben, 2012 mit Der Trafikant, der auf die gleiche Weise anhebt wie Ein ganzes Leben, nämlich mit „An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 ...“. Aber schon die Tatsache, dass hier die Jahreszahl in Ziffern geschrieben ist, während Seethaler sie im Ganzen Leben ausschreibt – „neunzehnhundertdreiunddreißig“ –, zeigt, dass wir es beim Trafikanten mit eine Buch zu tun haben, das unsere Erwartungen an Realismus erfüllt. Die Orte sind klar identifizierbar und werden genannt: Nußdorf am westlichen Ufer des Attersees im Salzkammergut und Wien. Wir erleben mit dem siebzehnjährigen Franz Huchel die Monate vor und nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich, die Gewalt und Perfidie der ewigen und der neuen Nazis und mittendrin die letzten Tage Sigmund Freuds in Wien, ehe der Roman zum Finale sieben Jahre nach vorne springt und die österreichische Hauptstadt unter den Bombenhimmel versetzt, den ihr die Nazis eingebracht haben. Expliziter historisch und moralisch kann man in einem Roman kaum sein, und die Meisterschaft von Seethaler im Trafikanten liegt darin, dass er das Buch trotzdem nicht mit erhobenem Zeigefinger verfasst hat.

Noch größere Meisterschaft aber beweist er mit Ein ganzes Leben, weil in die Gebirgslandschaft dieses Romans implizit all die historischen und moralischen Höhen und Abgründe des zwanzigsten Jahrhunderts einmodelliert sind. Und diese Gebirgslandschaft besteht nicht nur aus Seethalers kunstvoll konstruierter fiktiver Topographie, sondern vor allem aus dem Auf und Ab des Lebens von Andreas Egger.

Mit seiner geographischen Entankerung der Eggerschen Biographie nimmt Seethaler einen Zug wieder auf, der schon seine ersten drei Romane prägte, die allerdings sämtlich in der unmittelbaren Gegenwart angesiedelt sind. Wo genau die beiden Titelfiguren aus Die Biene und der Kurt ihre dreiwöchige wilde Fahrt im glitzernden Heartbreakin’-Wohnmobil absolvieren, wird durch fiktive Orte verwischt: Das Rock-’n’-Moll-Paar ist dauernd im Grenzland unterwegs und kommt doch nie woanders an. Mit Die weiteren Aussichten führt Seethaler uns einen Sommer lang in eine Provinzkleinstadt und deren nahezu menschenleere ländliche Umgebung. Und in Jetzt wird’s ernst sind die achtzehn Jahre der Handlung in einem namenlosen Mittelzentrum angesiedelt, über das man nicht viel mehr erfährt, als dass es dort früher eine Straßenbahn gegeben hat und noch eine Gesamtschule gibt, die den Namen eines Hermann Conradi trägt, der aber kaum der Schriftsteller gleichen Namens gewesen sein kann, denn Seethaler beschreibt eine Büste, die im Schulgebäude steht, als „knochigen Glatzkopf mit Geiernase“, und sein Autorenkollege Conradi starb 1890 mit nur 27 Jahren in voller Haarpracht. Es ist eine jener Spuren in die Wirklichkeit, die Robert Seethaler in seinen Romanen gerne legt, die uns aber in die Irre führen sollen. Es geht ihm nicht um Einbindung, seine Helden sind samt und sonders Außenseiter.

Was will seine Literatur? Nun, alle Literatur will Ewigkeit. Warum sonst sollte man das Erzählte überhaupt aufschreiben? Denn selbst das Eindrucksvollste, was uns gesagt wird, währt bestenfalls ein Leben lang – in uns. In Büchern aber überdauert es uns.

Nur was überdauert da? In dem Roman von Seethaler, der heute Abend ausgezeichnet wird, angeblich ein ganzes Leben. Ein langes zudem, beinahe achtzig Jahre, und so lässt der Autor seinen Protagonisten ziemlich zum Schluss dieses Lebens (und damit auch des Buchs), als er an einem nebligen Morgen seine seit langem tote Frau zu sehen glaubt, ausrufen: „Wo warst du denn so lange? Es gibt doch so viel zu erzählen. Du würdest es nicht glauben, Marie! Dieses ganze, lange Leben!“ Niemand aber hört Andreas Egger, außer seinem Autor. Und nun wir, die wir diesen Roman lesen.

In Eggers Ausruf „Du würdest es nicht glauben, Marie!“ steckt ein Widerspruch: Der Konjunktiv signalisiert den eigenen Unglauben an die Existenz der Erscheinung im Nebel, an die Wiederkehr der schon vor Jahrzehnten in einer Lawine gestorbenen Frau. Glaubte Egger, sie tatsächlich vor sich zu haben, hätte er sie mit „Du wirst es nicht glauben“ angesprochen. Er erweist sich in seiner Wortwahl als gebildeter und vernünftiger, als wir glauben mochten, dieses deutsche und männliche Äquivalent zum Flaubertschen „cœur simple“, dem „schlichten Herz“ aus der berühmten Erzählung von 1877, in der auch ein ganzes Leben erzählt wird: das der Dienerin Félicité. Ähnlicher sozialer Stand wie Andreas Egger (niedrig), ähnliche familiäre Geborgenheit (keine), ähnliche Schulbildung (gering), ähnliche Herzensbildung (hoch). Nur ist das Leben von Félicité bei Flaubert noch knapper gefasst als das von Andreas Egger bei Seethaler. Eine Erzählung eben.

Dabei ist Seethalers Roman auch nicht gerade umfangreich: 154 Seiten für ein ganzes Leben, das mit Abstand kürzeste seiner bislang fünf Bücher, obwohl es die mit Abstand längste Zeitspanne umfasst. Vergleicht man Ein ganzes Leben mit dem berühmtesten Buch des Namensgebers unseres Preises, dem Abenteuerlichen Simplicissmus Teutsch, so hat die ohnehin eng gesetzte dtv-Dünndruck-Ausgabe des Grimmelshausen-Romans sechshundert Seiten zu bieten, und bei der vor sechs Jahren erschienenen Übertragung von Reinhard Kaiser ins Deutsch unserer Tage, die dem Buch das große Publikum zurückgewann, sind es sogar fast 670. Man könnte sich also fragen, mit welcher Berechtigung angesichts des epischen Zugs im Grimmelshausenschen Schreiben ausgerechnet der Kurzstreckenkünstler Robert Seethaler den Grimmelshausen-Preis verdient haben mag. Die Frage stellt sich nicht mehr, wenn man sein Buch gelesen hat. Aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand der Anwesenden das noch nicht getan hat, muss sie nun doch beantwortet werden.

Eine erste Rechtfertigung könnte man im bereits angedeuteten Charakter von Andreas Egger finden: auch er ein Simplicissimus, ein höchst einfach gestrickter Mensch. Wobei sich Grimmelshausens Protagonist im Laufe der sechs Bücher des Romans als immer gewitzter erweist, weshalb wir mit dem Simplicissimus ja auch den Beginn der deutschen Schelmenliteratur erreicht sehen: jener Bücher über Helden, die anders erscheinen wollen, als sie sind. Andreas Egger dagegen ist keinesfalls ein Schelm; sein Blick auf die Welt und Seethalers Blick auf ihn sind von großem Ernst. Deshalb ist Ein ganzes Leben im Gegensatz zum Simplicissimus auch nicht aus der Ich-Perspektive erzählt – für Selbstironie ist ebenso wenig Platz wie für Selbststilisierung. Es ist ein archaisches Buch, in dem es buchstäblich ums Ganze geht, aber in einer individualisierten Betrachtung, die im siebzehnten Jahrhundert gar nicht vorstellbar gewesen wäre, als noch jedes Leben als eingebunden in ein großes metaphysisches System verstanden wurde, wie man natürlich auch dem Simplicissimus entnehmen kann, der trotz seinem Titel kein Abenteuer-, sondern ein Bildungsroman ist.

Den sprichwörtlich gewordenen Spottnamen Simplicissimus verdankt die eigentlich auf Melchior Sternfels von Fuchshaim getaufte Titelfigur einem Schicksalsschlag, der ihm als Kleinkind die Eltern nahm und ihn als Adoptivsohn auf einen Bauernhof im Spessart verschlug, wo man um des Knaben Fortkommen nicht eben viel Aufhebens machte. Das zweite Kapitel des Simplicissimus hebt mit der Feststellung an: „Man versah mich mit der herrlichsten Würde nicht allein unseres Hofes, sondern der ganzen Welt, nämlich mit dem Hirtenamt.“ Eine Stellung, die auch der ungelernte Landarbeiter Andreas Egger immer wieder einmal versieht, und seine Zufriedenheit ist nicht geringer als die des drei Jahrhunderte älteren Bauernburschen. Nur dass er im Gegensatz zu Grimmelshausens Held niemals den Ausgang aus seiner fremdverschuldeten Unmündigkeit sucht. Egger bleibt sich treu. Zieht der Simplicissimus mehr oder minder freiwillig durch die Welt, bis nach Paris, Moskau oder Gelnhausen, verlässt Andreas Egger sein Gebirgstal nur zweimal: Einmal kehrt er in bereits hohem Alter, als ihn die Neugier treibt, von einer Busfahrt in die Außenwelt sofort wieder zurück; das andere Mal, viel früher schon, wurde er vom Krieg geholt und kam immerhin auch bis nach Russland, wo er aber gleich noch acht Jahre Gefangenschaft zu durchleben hatte. Da ist es dem Simplicissimus besser ergangen, als ihn die Kroaten kidnappten.

Doch Egger hat seine kriegsgefangenschaftsbedingte Leidenszeit nicht nur ebenfalls überlebt, sie hat ihn auch unverstört gelassen – darin dem Simplicissimus gleich. Denn Andreas Egger hat eine Weisheit verinnerlicht, die ihm genau nach einem Drittel des Seethaler-Romans von seinem Arbeitgeber, dem Prokuristen der Bauunternehmung Bittermann & Söhne, offenbart wurde: „Man kann einem Mann seine Stunden abkaufen, man kann ihm seine Tage stehlen oder ihm sein ganzes Leben rauben. Aber niemand kann einem Mann auch nur einen einzigen Augenblick nehmen.“ Das ist ein zunächst rätselhafter Satz, gerade für Egger, über den jedoch gesagt wird, dass er das Gesagte, „obwohl er es in diesem Moment nicht verstand, sein Leben lang nicht mehr vergaß“. Die Maxime des Prokuristen wird deutlicher, wenn wir diesen Satz des Erzählers wörtlich nehmen: Der Augenblick, an den wir uns ein Leben lang erinnern, mag unverständlich sein, aber er gehört allein uns. Und keine äußere Macht kann uns aus dem Paradies der Erinnerung vertreiben, die aber gerade keine mehr ans ganze Leben ist, sondern eine an jene plötzlichen Einbrüche des Erhabenen – im Schönen wie im Schrecklichen –, die als Perlenkette aus Evidenzen und Epiphanien unser Leben schmücken.

Der Roman Ein ganzes Leben entfaltet eine solche Poetik der Plötzlichkeit: Passend zum knappen Umfang bietet er eine Abfolge von Schlüsselszenen, jeweils charakterisiert durch die explizite Betonung der Augenblicklichkeit oder der Momentaufnahme, beginnend bereits auf der zweiten Seite des Buchs mit dem Satz „Für einen Augenblick horchte er in den lautlos fallenden Schnee hinaus. Die Stille war vollkommen.“ Andreas Egger macht eine ästhetische Erfahrung, die umso beeindruckender ist, als er in diesem Moment im winterlichen Hochgebirge mit einem auf den Rücken geschnallten todkranken Ziegenhirten talwärts unterwegs ist. Nur vier Seiten später finden wie erneut das wiederkehrende Signalwort des „Augenblicks“: „Einen Augenblick lang schien er Eggers vom Schnee verschluckten Worten nachzuhorchen.“ Hier wird zwar vom Ziegenhirten gesprochen, doch es ist Egger, der den abermaligen Moment der Stille registriert. Und noch eine Seite weiter – den Hirten hat Egger verloren, das warme Wirtshaus aber erreicht: „Das Ofentürchen stand offen, drinnen prasselte das Feuer. Für einen kurzen Moment glaubte er in den Flammen das Gesicht des Ziegenhirten zu erkennen.“ Drei Augenblicke haben sich ihm und uns in den ersten zehn Minuten der Lektüre bereits eingebrannt, die er nie wieder vergessen wird. Und wir mit ihm auch nicht.

Doch erst der vierte unvergessliche Augenblick an jenem Tag im Februar 1933 proklamiert endgültig die Seethalersche Poetik der Plötzlichkeit, die aus dem ephemeren Moment jene Dauer gewinnt, die vom Prokuristen später beschworen wird. In der warmen Gaststube begegnet Egger einer Frau, seiner Frau: „Sein Leben lang dachte Andreas Egger immer wieder an diesen Augenblick zurück, an dieses kurze Lächeln an jenem Nachmittag vor dem leise prasselnden Wirtshausofen.“ Und nur eine einzige Seite im Text wieder weiter folgt gleich die nächste Epiphanie, als Egger einigen ihn beschimpfenden Kindern einen Eisblock hinterherwirft: „Am höchsten Punkt seiner Flugbahn sah es für einen Moment so aus, als würde er einfach dort oben hängen bleiben, ein kleiner, im Sonnenlicht aufblitzender Himmelskörper.“ Fünf auf Dauer gestellte Augenblicke binnen des ersten Romanabschnitts, und im weiteren Verlauf werden noch etliche weitere folgen: vom wieder für einen Augenblick in der Luft scheinbar stillstehenden Kalb, das von einem Erdrutsch mitgerissen wurde, über den Augenblick der entscheidenden Konfrontation des zum Mann gereiften Andreas mit seinem prügelnden Stiefvater, den Moment von Eggers Heiratsantrag an jene Marie Reisenbacher, deren Lachen im Wirtshaus er nie vergessen sollte, den Moment, in dem einem Arbeitskollegen auf dem Berg ein Arm abgerissen wird, den Moment der vollständigen Einsamkeit nach Abgang der Lawine, die seine Frau getötet hat, den Augenblick seines Hochschreckens aus dem Schlaf durch das Geräusch von Nachtfaltern bis hin zum Moment der Sichtung eines feindlichen Soldaten im Kaukasus. Alles Lebensaugenblicke, Lebendigkeitsmomente – besonders jene, die die Nähe des Todes spüren lassen.

Wir kennen diese Liebe zum Ephemeren aber auch schon aus den anderen Büchern von Robert Seethaler, aus seinem Debütroman „Die Biene und der Kurt“ aus dem Jahr 2006 etwa, in dem ein erstes Mal die Poetik der Plötzlichkeit thematisiert wird, damals allerdings noch als ein Überraschungsphänomen, das Erinnerung gerade unmöglich macht: „In solchen Momenten zerlegt sich die Wirklichkeit oft und gerne in ihre Einzelteile“, heißt es dort. „Da geht alles so schnell, dass weder das Hirn noch das Aug und später schon gar nicht die Erinnerung nachkommen.“ Dennoch sind es für die Protagonisten prägende Erfahrungen von größtem Glück oder tiefstem Schrecken: „Oft, wenn du meinst, jetzt bist du durch, schmeißt dir genau in diesem Moment das Schicksal oder was sonst auch immer irgendetwas vor die Füße, und dich haut es hin, dass du glaubst, es zerlegt dich“, heißt es im seinerzeit noch am mündlichen Erzähljargon eines Wolf Haas geschulten Erstlingsroman von Seethaler. Oder aber: „Und wenn die Biene vielleicht auch bis jetzt nicht allzu viel Ahnung gehabt hat vom Glück – jetzt, in diesem Moment, hat sie eine.“ Und die geht nicht mehr vorüber, sie wird das Leben von Biene begleiten, die im Gegensatz zu Kurt das Buch überlebt.

Im Roman Die weiteren Aussichten, 2008 erschienen, heißt es bei der Schilderung einer großen Feier in der Kleinstadt: „Feste sind dazu da, die Zukunft zu vergessen. Der Augenblick ist das Leben. Und sonst nichts.“ Da hat man Seethalers Poetik für Ein ganzes Leben bereits sechs Jahre zuvor in nuce: Ein ganzes Leben kann auf knappstem Raum erzählt werden, weil es auf die Momente größter emotionaler oder ästhetischer Empfindung ankommt. Das ist unbedingt modern.

Jedenfalls ist es nichts, was für Grimmelshausen nachvollziehbar gewesen wäre. Das ganze Leben seines Simplicissimus braucht bei ihm viel Raum, und für eine angewandte Poetik der Plötzlichkeit ist bezeichnenderweise nur in einer Traumsequenz seines Helden Platz, im siebzehnten Kapitel des zweiten Buchs, in dem der Ich-Erzähler nach einer Hexenvision auf einer Bank Platz nimmt: „Ich war aber kaum auffgesessen, da fuhr ich sampt der Banck gleichsam augenblicklich zum Fenster hinauß, und ließ mein Rantzen und Feurrohr, so ich von mir gelegt hatte, für den Schmirberlohn und so künstliche Salbe dahinden. Das Auffsitzen, davon fahren und absteigen geschahe gleichsam in einem Nu! dann ich kam, wie mich bedünckte augenblicklich zu einer grossen Schaar Volcks, es sey dann, daß ich aus Schrecken nicht geacht hab, wie lang ich auff dieser weiten Räis zugebracht.“ Zweimal auf engstem Raum die Formulierung „augenblicklich“, die im ganzen Simplicissimus insgesamt nur fünfmal fällt, und dazu noch das gleichsam Plötzlichkeit evozierende „im Nu!“. Reinhard Kaiser hat diese wiederholte Signalwirkung reduziert, wenn er die Stelle so in unser zeitgenössisches Deutsch holt: „Aber ich saß noch kaum, da fuhr auch ich samt der Bank zum Fenster hinaus und ließ meinen Ranzen und das Feuerrohr, die ich neben mich gelegt hatte, als Lohn für das Schmieren und die Zaubersalbe in der Küche zurück. Aufsitzen, davonfahren, absteigen – all das, so schien es mir, war das Werk einen Augenblicks, und schon befand ich mich bei einer riesigen Menschenmenge. Aber vielleicht habe ich auch vor Schreck nicht darauf geachtet, wie lang die weite Reise wirklich dauerte.“

Allerdings gibt es im vierzehnten Kapitel des fünften Buchs des Simplicissimus ein Gespräch des Ich-Erzählers mit dem Fürsten vom Mummelsee, in dem dieser feststellt: „Das aber, was ihr das Leben nennet, ist gleichsam nur ein Moment und Augenblick, so euch verliehen ist, Gott darin zu erkennen und ihm euch zu nähern, damit er euch zu sich nehmen möge.“ Was auf den ersten – ich bin versucht zu sagen – „Augenblick“ wie eine genaue Grimmelshausensche Entsprechung der Seethalerschen Lebens- oder Lebendigkeitsmomente klingt, erweist sich als rein rhetorisches Mittel zur Verbalisierung der Kurzlebigkeit des Menschen, dessen Dasein als ganzes hier zum bloßen Augenblick vor der göttlichen Ewigkeit wird. Die Epiphanien in Seethalers Romanen aber sind weltlicher Natur, und es sind trotzdem Momente, die Ewigkeitscharakter haben, nicht ganze Leben, die im Nu dahin sind.

Grimmelshausen war dagegen noch literarischer Gefangener seiner Zeit, die zudem den Einbruch von Ereignissen, wie wir sie mittlerweile vor allem durch die moderne Technik gewöhnt sind, nur in Form der Naturkatastrophe und damit des gleichsam Göttlichen kannte. Relikte davon hat auch Robert Seethaler zu bieten, wenn er zum Beispiel im Finale des Romans Die weiteren Aussichten den plötzlichen Ausbruch eines über die gesamte Handlung hinweg sich anbahnenden Gewitters zum Gegenstand weiterer Evidenzerfahrungen seines Personals macht. Oder man denke an den Blitzschlag, der zu Beginn des Trafikanten einen einsamen Schwimmer im Attersee trifft. Von der bereits erwähnten Lawine in Ein ganzes Leben gar nicht erst zu reden. Auch modernste Literatur wirft nicht alle Erzählprinzipen oder Motive der traditionellen über Bord.

Aber die moderne Literatur hat durch die mittels Technik ermöglichten neuen Erfahrungen von Plötzlichkeit auch eine neue Sprache und Darstellungsweise entwickelt, die sich besonders markant und paradox in einer berühmten Passage aus Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit aufzeigen lässt, in dessen erstem Band der Erzähler eine Kutschfahrt von Combray nach Martinville schildert, dessen Kirchtürme „so plötzlich vor uns aufragten, dass wir mit einem Ruck halten mussten, um nicht ans Portal zu stoßen“. Die seltsam anmutende Behauptung einer derart rasanten Kutschfahrt, dass man kaum mehr rechtzeitig vor einer Kirchenfassade zu bremsen vermag, erklärt sich daraus, dass Proust hier einen alten Zeitungsaufsatz in sein Buch einarbeitete, der eine Automobilfahrt zum Gegenstand hatte, die aber zur Handlungszeit des betreffenden Romanabschnitts, in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, noch unmöglich gewesen wäre. So kam die erst durch die Technik ermöglichte neue Erfahrung der Plötzlichkeit in eine ältere Zeitschicht des ersten rundum modernen Romans.

Im Simplicissimus gibt es nichts dergleichen. Die literarische Würdigung eines einzigen Augenblicks wäre Hybris angesichts der Vergänglichkeit des ganzen Lebens vor Gott. Erst eine Epoche, die den Menschen nicht mehr in Relation zum Göttlichen, sondern zu seinem eigenen Können und Empfinden setzt, kann den Augenblick heiligen und dementsprechend literarisch zur Ewigkeit adeln, indem er exemplarisch für ein Leben steht.

In Seethalers Büchern, übrigens bemerkenswert gottlosen Romanen, in denen die Konfession von Menschen keinerlei Rolle spielt, geschieht das dauernd. Ein exemplarisches Evidenzerlebnis gibt es auch in Jetzt wird’s ernst, dem 2010 publizierten Bildungsroman um einen namenlosen jungen Schauspieler: „Und in diesem Moment, im kürzesten Bruchteil einer Sekunde, schoss mir die Klarheit wie ein winziger Blitz durchs Hirn.“ Es sind immer wieder solche Naturkatastrophen gleichenden menschlichen Erfahrungen, die das Schicksal der Protagonisten bestimmen. Bisweilen sind es auch einschneidende Erfahrungen wie der erste Beischlaf des Ich-Erzählers etwas früher im selben Roman. Er provoziert Seethaler zu einer orgasmischen Plötzlichkeit, die im Wortlaut schon vorwegnimmt, was dann wenig später die eben zitierte lebensrichtungweisende Erfahrung einer blitzartigen Erkenntnis sein soll: „Und in diesem Moment“, so heißt es zur ersten körperlichen Liebeserfahrung des Protagonisten, „jetzt, ja, jetzt, endlich, endlich, endlich platzte der Ballon, und das Auto, ich, das Mädchen, die ganze Welt flogen auseinander.“ Die ganze Welt – nicht aber das ganze Leben.

Im Roman Ein ganzes Leben ist die Liebe dagegen unendlich zart erzählt, gleichsam nur angedeutet, und deshalb ist dort der zentrale Moment das erwähnte erste Lächeln der Geliebten. Oder im Trafikanten, der stilistischen Fingerübung für den folgenden Roman, jener Augenblick, in dem Franz Huchel im Prater erstmals die schöne Böhmin Anezka sieht: in einer Schiffsschaukel. Wieder finden wir ein bereits vertrautes Motiv, die Stillstellung einer Bewegung. „Und hoch oben, in schwindelerregender Höhe, blieb dieses Gesicht für einen Augenblick einfach stehen, ein rosiger Fleck in der blauen Weite des Himmels.“ Und es folgen auf den nächsten Seiten weitere für Franz unvergessliche Momente – ganz wie es zu Beginn von Ein ganzes Leben Andreas Egger widerfuhr.

Beide Protagonisten sind dennoch der Welt abhanden gekommen, der erstere, Huchel, im Widerstand gegen die Diktatur in Gestapohaft, der letztere, Egger, im Einverständnis mit der Natur als Einsiedler. Anders als seinem Eremitenkollegen, dem Simplicissimus, der im letzten Kapitel des fünften Buches vor seiner Rückkehr zur Einsiedelei der Welt einen umfangreichen Lebewohlkatalog entbietet, in dem lamentierend alle ihre Übel angeführt werden, wird Andreas Egger ein stiller Abschied gewährt: „Geduldig wartete er auf den nächsten Herzschlag. Und als keiner mehr kam, ließ er los und starb.“ Das ist der letzte Moment für die Ewigkeit in diesem Buch. Für jene Ewigkeit, die die Literatur anstrebt. Robert Seethalers Ein ganzes Leben hat sie erreicht. Die Gratulation, lieber Preisträger, gilt nicht nur Ihnen; sie gilt auch uns: dafür, dass wir diesen Roman haben.

von Andreas Platthaus

Der Autor

Robert Seethaler

Biografie

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, spielte viele Jahre lang in Fernseh- und Kinofilmen und im Theater. Er ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Romane Der Trafikant (2012) und Ein ganzes Leben (2014) wurden zu großen Publikumserfolgen. Robert Seethaler lebt in Wien und Berlin.

"Es sind die Außenseiter, denen die Aufmerksamkeit dieses ebenso feinsinnigen wie wortschlauen Schriftstellers gilt, und seine Zuneigung auch." Bettina Cosack, Frankfurter Rundschau

Das Interview

"Freud kennt sich mit der Liebe auch nicht aus"

Ein Gespräch mit Anne Otto in Psychologie Heute

Robert Seethaler schafft in seinen Romanen immer wieder ungewöhnliche Begegnungen zwischen gegensätzlichen Charakteren. Durch seine klare, knappe Sprache wird sogar die zaghafte Freundschaft zwischen dem greisen Sigmund Freud und einem 17-jährigen Lehrling glaubwürdig.

Das Treffen mit Robert Seethaler findet in einem privaten Seminarhaus in Berlin-Mitte statt. Es gibt Kaffee, Tee, Kekse. Zwei Räume stehen für das Gespräch zur Auswahl, der Autor schaut kurz in beide, steuert dann zielstrebig den größeren, helleren an. Auf die Fragen im Interview reagiert er teils zügig und mit Gegenfragen, teils mit so großer Konzentration, dass er die Augen schließt und tief nachdenkt, bevor er seine Antwort mit klarer Stimme formuliert. In den fünf Büchern des Österreichers stehen immer wieder Außenseiter oder Eigenbrötler im Mittelpunkt, die – in einer schlichten, nüchternen Sprache beschrieben – zu Sympathieträgern werden. 

Sein Roman Der Trafikant, in dem es um eine Begegnung von einem Tabakladen-Lehrling mit Sigmund Freud im Wien der dreißiger Jahre geht, ist ein Bestseller. Ebenso sein neuer Roman Ein ganzes Leben, der das Leben eines Tagelöhners in den Alpen während des letzten Jahrhunderts schildert. In seinem eigenen Leben hat Seethaler zunächst Schauspiel in Wien studiert, in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen mitgespielt. Später schrieb er Drehbücher, studierte Psychologie und fing irgendwann mit dem Romanschreiben an. 

Herr Seethaler, in Ihren Romanen treffen immer wieder sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander. Was interessiert Sie an diesen Begegnungen? 
Meine Geschichten fangen tatsächlich oft mit dem ersten Aufeinandertreffen zweier Personen an. Von einer Begegnung würde ich noch nicht sprechen, eher von einer Erscheinung. In Die weiteren Aussichten löst sich etwa zu Beginn eine Figur aus der Weite der Landstraße, nämlich Hilde, und erregt im Betrachter, dem einsamen Tankwart Herbert, eine nie gekannte Sehnsucht. In Der Trafikant sieht der 17-jährige Franz dem alten Sigmund Freud beim Zigarrenkauf zu. Diese Erscheinungen drängen sich ins Bild, ins Leben, sie lassen sich nicht abwimmeln. Aber erst wenn man sich bewusst darauf einlässt, wird es eine Begegnung.

Wie wird denn konkret aus einer Erscheinung eine Begegnung?
Es ist ein bisschen wie im Theater: Sobald eine Person aufgetreten ist, verändert sich das Gesamtbild. Dann wird es spannend, wie der Protagonist mit dieser ersten flüchtigen Wahrnehmung umgeht. Er kann sie zurückweisen. Oder sich darauf einlassen. Meine Hauptfiguren und auch ich selbst haben eher die Haltung, die Erscheinung wahrzunehmen, genau zu gucken, was das für ein Mensch ist, wie er aussieht, wie er sich gibt. Dieses genaue Gucken ist der Schlüssel zur Kontaktaufnahme. Und wenn erst mal ein Kontakt entstanden ist, verändert sich sofort die Dynamik der Geschichte.

Wissen Sie eigentlich schon vor dem Schreiben, welche Figuren aufeinandertreffen – und was für eine Dynamik die Geschichte entwickeln wird?
Nein, auch im Schreibprozess beginnt alles im nebelhaft Unbewussten, ein kleiner Lichtpunkt taucht verschwommen am Horizont auf und wächst sich im besten Fall zu einem Interesse aus. Es kann eine Szene sein, eine Empfindung, eine Figur – und mit dieser einen vagen Szene wächst dann eine Art Struktur, kommen erste Bilder, ein grober Ablauf, dann lege ich los. Ich folge den Bildern, den Geschehnissen, wenn man so will, von einem Kontakt zum nächsten.

Können Sie ein Beispiel für eine solche erste nebelhafte Szene geben?
Als Jugendlicher war ich oft Ski fahren. Aus diesen Ferien habe ich eine Gefühlserinnerung mitgenommen, die mich mein Leben lang begleitet: Ich sitze allein auf dem Skilift, gleite den Berg hinauf, erst ist alles noch laut, es sausen Skifahrer unten vorbei. Dann kommt irgendwann eine steilere, waldige Stelle, es wird ruhiger, und da ist dann plötzlich diese unfassbare Stille, eine wunderschöne Schneestille, die einerseits beruhigt und andererseits zutiefst ängstigt. Aus dieser starken Erinnerung ist die Idee entstanden, über einen Mann zu schreiben, der in den Bergen lebt und arbeitet. Und in dem Roman Ein ganzes Leben habe ich das dann auch getan. 

Es gibt also in Ihrem Leben keine Person, die der Hauptfigur Egger, dessen komplettes Leben Sie ja beschreiben, ähnelt?
Nein. Ich kenne keine Person, die Egger ähnelt. Das sage ich jetzt – und gleichzeitig stimmt es nicht, denn jeder Mensch schöpft ja nur aus dem eigenen Erfahrungsschatz. Etwas in mir kennt ihn, kennt etwas von seiner schlichten Art. Ich weiß übrigens oft intuitiv, wie meine Figuren sich fühlen, bin ihnen nah. Aber ich wüsste nicht, wie ihre Gesichter aussehen. 

Wie gelingt es Ihnen, den Figuren so nah zu kommen, dass Sie ihre Emotionen und Absichten kennen?
Es lässt sich auf das Wort Achtsamkeit reduzieren: Gib acht, was für Bilder und Gefühle du entwickelst! Gib acht, was das für eine Person ist, die da vor dir sitzt oder steht, wie bewegt sie sich, was tut sie? Ich will genau wahrnehmen, was ich sehe, höre, rieche – und zwar ohne zu bewerten. Achtsamkeit sich selbst gegenüber ist der Schlüssel zur Figur. Denn die Figuren sind ja Geister meiner Seele – also nehme ich erst mal Kontakt zu mir selbst auf, zu allen Gefühlen, Gedanken. Manchmal geht das ans Eingemachte, es tauchen ja auch unangenehme Emotionen auf.

Welche Szenen haben beim Schreiben solche unangenehmen Gefühle ausgelöst?
Es passiert ständig. Die prägnantesten Erinnerungen an Trauer oder Wut hab ich an den ersten Roman Die Biene und der Kurt. In verschlüsselter Form erzähle ich dort viel über mein Leben: Die Biene, ein 16-jähriges Mädchen, bricht aus einem Mädchenwohnheim aus, sie ist undefiniert, hat kaum Stimme, eine ganz dicke Brille, so wie ich früher. Ich hatte als Kind einen Wert von 17 Dioptrien auf beiden Augen, war auf einer Sehbehinderten-Grundschule. Diese Gemeinsamkeit brachte mir die Figur nah. Erschütternd war für mich auch, dass Teile dieser Figur für mich im vorsprachlichen Bereich liegen: Sie hatte kaum Sprache, fast nichts zur Verfügung – nur einen großen Überlebenswillen. Beim Aufbruch der Biene aus dem Wohnheim war mir tieftraurig zumute. 

Viele Autoren erzählen, dass Gefühle wie Trauer und Wut ihnen helfen, bessere, dichtere Geschichten zu schreiben.
Da möchte ich mich nicht einreihen. Ich bezweifele, dass Rührung und Gefühle ein Buch gut machen. Natürlich geht es einerseits darum, an eigene Grenzen zu gehen, andererseits ist es aber unerlässlich, auch wieder Distanz zum Geschriebenen zu kriegen. Schreiben bedeutet auswählen, streichen, wegschnitzen. Das ist die Arbeit, die anstrengend ist. Mit allem, was ich schreibe, muss ich mich vor einer Instanz in mir selbst behaupten. Sie fragt: Ist das gut genug? Reicht das? Manchmal hat die kritische Position recht, manchmal muss man sich gegen sie durchsetzen und sagen: „Nee, so stimmt es.“ Diese Spannung zu halten, das ist für mich Schreiben.

Viele Ihrer Hauptfiguren sind ja ähnlich gestrickt. Der Lehrling Franz Huchel aus dem Trafikanten und der Seilbahnarbeiter Egger aus Ein ganzes Leben wirken naiv, manchmal sogar schlicht. Ist das bewusst so gewählt?
Ja. Naivität hat für mich viel mit Offenheit zu tun, nicht mit Dummheit. Meine Figuren sind häufig bereit, ihre Grenzen zu erweitern, sich auf andere einzulassen, sie staunen über sich und die Welt und gehen dem nach. Nicht naiv zu sein heißt dagegen für mich, eine „fertige“ Persönlichkeit zu sein – also starr und festgefahren. Die naive Haltung der Figuren gefällt mir auch aus einem profanen Grund gut: Ich bin kein Intellektueller. Das einfache Herz, das in mir steckt, der einfache Geist, das lege ich auch in die Figuren.

Eine sehr naive und berührende Begegnung ist die zwischen Franz, dem Lehrling in einem Tabakwarenkiosk, und dem 80-jährigen Sigmund Freud. Wer war eigentlich zuerst da?
Ich wollte gern über Freud schreiben, aber über ihn ist schon so viel gesagt worden, dass mir schnell klar war: Ich brauche einen anderen Zugang. Dieser Zugang kam über Franz – einen jungen Mann, der einen vorurteilsfreien Blick auf den alten Psychoanalytiker zulässt: Er guckt, wie Freud dasitzt, Zigarre raucht. Franz hat die Bücher von Freud nicht gelesen, trotzdem bekommt er einen Eindruck, was um ihn herum passiert, was ihm wichtig ist. Franz selbst versteht die Welt nicht, versteht die Liebe nicht – und Freud gibt ja dann zu, dass er sich mit der Liebe auch nicht auskennt.

Wie haben Sie diese beiden Figuren zueinandergebracht? Durch Dialoge, Gesten, besonderen Szenenaufbau?
Ich finde es entscheidend, wie die beiden sich gegenseitig betrachten, was sie voneinander denken. Ich beschreibe ja vor allem die Perspektive von Franz, der einen alten Mann sieht, der eine Haut hat wie Seidenpapier, er sieht das Verletzliche an Freud. Auch die Art der Dialoge ist wichtig. Die wenigen Gespräche der beiden haben da einen Aufbau. Beim letzten Treffen etwa wird vor allem geschwiegen. Es ist ein großer Abschied. Freud muss vor den Nazis fliehen, geht nach London und letztlich dem Tod entgegen. 

Auch wenn die Geschichte fast eine Miniatur ist – sie wirkt wie ein Symbol für etwas Größeres. Der Abschied von Freud steht für den Abschied von einer westlichen, aufgeklärten Welt, die ins Wanken gerät.
Freud kann man sich einfach nicht ohne die Geschichte nähern. Es reicht aus, dass ich mich um das Kleine kümmere. Der große, zeitgeschichtliche Hintergrund schwingt dennoch immer mit. Eigentlich mag ich Symbole oder Metaphern nicht besonders, sie gehen meist schief. Trotzdem ertappe ich mich immer mal wieder dabei, dass ich sie schreibe, aber das ist gar nicht so gedacht.

Sie interessieren sich für Freuds Psychoanalyse und haben selbst Psychologie studiert. Was fasziniert Sie daran?
Das Studium war ein Traum, den ich mir erfüllt habe. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, bin mit 15 Jahren von der Schule gegangen, hatte zwar viele Freunde, die Abitur gemacht und studiert haben, aber ich stand immer etwas außerhalb. Das hab ich vor zehn Jahren noch mal ändern wollen, hab das Abitur mühsam nachgemacht, Psychologie studiert. Komischerweise hab ich es aus dem Ärmel geschüttelt – lauter Einsen in Statistik. [lacht.] Dann habe ich das Studium abgebrochen, weil die Schreiberei zu groß wurde. Für mich war es aber gut. Ich habe verstanden, dass ich in dem Bereich nicht arbeiten will. 

Warum können Sie sich nicht vorstellen, als Psychologe zu arbeiten?
Mir fehlen einige Eigenschaften, die ich von einem guten Therapeuten erwarte. Die wichtigste ist Geduld. Diese Kontinuität zu gewährleisten, jemandem einmal pro Woche zuzuhören, empfinde ich als große Leistung. Ich kann auch die Intimität eines geschlossenen Raumes und eines Zweiersettings nur schwer aushalten, ich finde das zu anstrengend.

Sie haben jetzt fünf Bücher geschrieben. Es scheint, als würden Sie mit jedem Roman besser und erfolgreicher werden. Macht Sie das auch im Schreibprozess sicherer?
Nein, ich werde im Gegenteil immer unsicherer. Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt. In mancher Hinsicht weiß ich schon, dass da einiges ist, auf das ich mich verlassen kann. Ich weiß, was ich geschafft habe. Aber daneben wächst das Gespenst der Unsicherheit noch schneller. Es kommt vielleicht auch daher, dass mir kein ausgewiesenes Werkzeug zur Verfügung steht. Ich kann mich nicht wie andere Schriftsteller auf meine Sprache, meine Eloquenz, meine Intellektualität zurückziehen. Natürlich gibt es irgendwo einen Schatz, den ich in mir habe, aber ich muss mir jeden einzelnen Satz irgendwoher erkämpfen. 

Haben Sie sich mit dem Schreiben der Bücher denn auch persönlich weiterentwickelt? Sind Sie achtsamer oder offener als früher?
Nein. Schreiben ist für mich tatsächlich eher einsam, egozentrisch, konzentriert. Es hat meiner Erfahrung nach mit dem Leben nicht viel zu tun. Ich habe einen fünfjährigen Sohn – mit dem findet das Leben statt.

Dieses Interview ist im Magazin Psychologie Heute erschienen, mit dessen freundlicher Genehmigung wir es hier nutzen.

Die Termine

19. Januar 2017, 20:00:00 | Nidda
Robert Seethaler: "Ein ganzes Leben"
Kursaal Kurhotel Bad Salzhausen
Kurstraße 2
63667 Nidda
06. März 2017, 20:00:00 | Aachen
Robert Seethaler bei "Die Euregio liest" mit "Ein ganzes Leben"
Altes Kurhaus, Klangbrücke
Kurhausstr. 2,
52058 Aachen
Robert Seethaler